Weinende Kinder

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Erkenntnis von Dschänna

Es ist 10 Uhr morgens. Die Sonne scheint. Das Wetter scheint gut zu werden. Die Hitze ist noch erträglich.

Nachdem wir gestern die Odyssee auf dem Amt und mit dem Hunger hatten, bleiben wir heute daheim. So hatte ich es meinen Kids versprochen. Mir kommt das sehr entgegen, habe ich doch immer irgendwas zu tun.

Nachdem Frühstück machen sich die Kids also auf ins Nichtstun, holen ihre Fahrräder aus der Garage und sind weg. Sie fahren hier im Compound rum, mit der Hoffnung, andere Kinder zu treffen.

Es dauert nicht lange, genauer gesagt: 20 Minuten, und meine Kids sind wieder daheim und eines weint. Herzzerreißend mit dicken Kullertränen steht mein Mäuschen vor mir.

Was war passiert?

In unserem Compound ist eine Gruppe Chinesen unterwegs. Sie schauen sich die Häuser an, machen Bilder von der Gegend und von den Menschen, die hier wohnen. Es ist leicht mit einem Zoo zu vergleichen, wobei wir diejenigen sind, die fotografiert werden.

Ok. Solange sie uns nicht versuchen zu füttern oder gar zu streicheln, kann ich gut damit umgehen.

Nun waren allerdings meine Kids alleine unterwegs und unsere Maus hat die komplette Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das sah so aus, dass sie mit ihrem Rad fuhr, die Chinesen sie sahen, sie fotografierten und einige von ihnen sie dann sogar angefasst haben.

Das war einfach zu viel für sie.

Nun stand sie also vor mir und erklärte mir: „Sie haben mich ungefragt fotografiert und ich konnte nicht meine Hände vor das Gesicht machen, weil ich doch auf dem Fahrrad saß. Eine hat mich sogar am Arm berührt, ohne das ich das wollte.“

Ganz ehrlich – wie anmaßend ist das?

Sehr, wie ich finde. Doch leider gehen dabei die Ansichten auseinander.

Die Chinesen finden kleine weiße Mädchen einfach ’so cute and so sweet‘ und versuchen immer ein Bild von ihnen zu erhaschen. Sei es, dass sie sich direkt vor die Kinder stellen und knipsen oder ihren Selfiestick ziehen. Alles ungefragt, natürlich. Dasselbe geschieht übrigens auch bei uns Erwachsenen, nur nicht in so einer ausgeprägten Form. Ich komme mir dann schon wie ein Star vor, nur ohne Allüren.

Wie dem auch sei. Ich kann das gut aushalten oder wegdrücken. Meine Kids nicht.

Müssen sie auch nicht. Sie sind Kinder und sollten von Allen dahingehend geschützt werden. Werden sie aber nicht.

Die Chinesen fotografieren hier übrigens ebenfalls alles und vor allem sich am liebsten. Das ist kein Erscheinungsbild typisch ‚Urlaub in Europa‘. Eher typisch Asiat.

Wir werden die Asiaten nicht ändern. Was haben wir also für Möglichkeiten?

Wir könnten für immer im Haus bleiben. Was nicht in unserem Interesse ist und auch nicht Sinn und Zweck dieses Aufenthaltes.

Wir könnten unsere Kinder verschleiern. Was merkwürdig rüberkommen könnte und zudem furchtbar heiß wäre.

Wir könnten aber auch lernen, damit umzugehen.

Und so nahm ich meine Tochter in den Arm, wartete bis sie beruhigt hat und  gab ihr die Sätze: ‚ No! No picture from me. I don’t like it.‘ an die Hand.

Ja, sie wird lernen müssen, für sich einzustehen, weil ich nicht immer an ihrer Seite bin.

Ja, sie wird lernen müssen anderen ihre Grenzen aufzuzeigen.

Ja, sie wird lernen müssen, ihre Rechte zu vertreten.

Auch wenn meine Tochter erst in vier Wochen sechs Jahre alt wird, kann sie das jetzt schon lernen.

Ich weiß, das wir unsere Kinder immer und überall beschützen wollen. Immer in ihrer Nähe sein möchten, um böses Unheil von ihnen fernzuhalten.

Doch genau das, können wir gar nicht leisten und genau das, ist mir in diesem Moment bewusst geworden.

Suoyou de ài  (Alles Liebe)

Dschänna

 

 

 

2 Gedanken zu “Weinende Kinder

  1. 😢 oje, ich fühle wirklich mit euch! Meiner Tochter fiel es 2012 – 2014, als wir immer „nur “ zu Besuch hier waren und fällt es auch heute noch (mit inzwischen 12) genauso schwer, sich ständig auf dem Präsentierteller wiederzufinden. Im ersten viertel Jahr hier in Singapur (2017) war sie nicht dazu zu bewegen, alleine raus zu gehen und das lag nur zum Teil an ihrer Angst vor der Sprachbarriere. Inzwischen ignoriert sie die Smartphones und/oder dreht sich weg („Ist das nicht unhöflich?!“ „Nein, Selbstschutz!“) und achtet auch beim eigenen Einsatz peinlich genau darauf, dass keine Fremden auf ihre Bilder geraten.
    Ein toller Beitrag zu einem wichtigen Thema!

    Gefällt 1 Person

    1. Danke fürs Lesen und Danke für das Teilen deiner Erfahrung. Mir war bewusst, dass das hier anders ist. Mir war nicht bewusst, dass es solche Auswirkungen haben kann. Ich komm dich demnächst auf deinem Blog besuchen, Singapur klingt nämlich auch sehr spannend. Sonnige Grüße, Dschänna

      Gefällt 1 Person

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