Besuch im Waisenhaus

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Vor zwei Wochen saß ich beim Mittag. Während ich also da saß und mir mein Mittag schmecken ließ, berichtete meine Begleitung, dass sie in ein Waisenhaus fahren wird. Nicht irgendwann, sondern ein paar Tage später.

Mir ist buchstäblich mein Bissen im Hals stecken geblieben. Meine Begleitung erzählte, dass es in Changzhou ein Waisenhaus gibt, dass sehr klein ist und wenig Unterstützung vom Staat bekommt. Sie selber ist durch eine chinesische Bekannte darauf aufmerksam gemacht worden. Nachdem diese ihr Bilder aus dem Heim schickte, auf denen kleine Kinder mit großen Knopfaugen waren, war ihr Mutterherz erweicht. Also nahm sie sich vor, mit einer Obstspende dorthin zu fahren.

Ich war beeindruckt. Über ihren Mut für diese Aktion. Über ihre Empathie für die Kinder. Über ihre Aktion.

Ich fing an nachzudenken. Während sie sprach, von den Kindern die krank sind und auf Müllhalden abgelegt wurden. Könnte ich das auch? Soll ich da mitfahren? Auch was spenden? Oder bin ich nur neugierig? In mir war ein Gefühlschaos.

Und dann sagte sie einen Satz. Sie sagte, dass sie alleine hinfährt, da ihre chinesische Begleitung zeitlich nicht kann. Irgendwie wird das schon werden vor Ort. So wohl emotional wie auch sprachlich, da die Mitarbeit nur chinesisch sprechen.

Da wußte ich, ich fahr mit. Warum? Ich hätte es nicht übers Herz gebracht sie alleine fahren zu lassen. Ich, für mich, hätte mir gewünscht, dass jemand mitkommt.

Und so kam es, dass wir letzte Woche zusammen im Auto auf dem Weg ins Waisenhaus waren. Spontan hatte eine chinesische Bekannte Zeit und kam mit. Für die Verständigung Gold wert.

Ich hatte ein große Kiste mit Apfelsinen und Äpfel dabei und jede Menge Gedanken.

Was ich dann sah und erlebte, dass ist schwer in Worte zu fassen. In dem Waisenhaus leben 20 Kinder. Die Hälfte von ihnen sind Schulkinder, die anderen unter 4 Jahre. Wir sahen nur die Kleinen, da die Großen beim Lernen waren.

Die Kleinen schauten uns ungläubig an. Sahen wir doch anders aus.

Und ich sah sie an. Wie sie da in dicken Jacken über die kahlen Flure rannten, weil es keine Heizung gibt. Sah Baby’s in ihren Bettchen liegen. Allein und wartend, dass jemand vorbei kommt. Sah Kinder mit Downsyndrom, die vor dem Fernseher geparkt oder in ihren Betten abgestellt wurden. Sah, wie die Aufsichtspersonen sie mit Reis fütterten, an dem kaum Gemüse war. Wie sie mit Keksen ruhig gestellt wurden. Sah, wie sie sich das wenige Spielzeug teilten und wie die Zeit langsam verging.

Die Kinder waren scheu. Kamen, schauten und gingen wieder. Ganz langsam siegte die Neugier. Das, was die Kinder am meisten vermissten, dass war Nähe. Auf den Arm genommen werden. Die Hand halten. Augenkontakt. Lächeln. Sobald das Eis dahingehend gebrochen war, war es kaum mehr möglich einen Schritt ohne ein Kind auf dem Arm zu machen.

Die Pflegerin waren freundlich. Zu uns und den Kindern. Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob dass immer so ist.

Das jüngste Kind ist 4 Wochen. Gefunden auf der Müllhalde. Zwei Babys (ein paar Monate alt) wurden auf der Autobahn abgelegt. Alle Kinder sind krank. Syphilis, Diabetes, Downsydrom, Herzfehler. Solche Kinder wollen die Chinesen nicht. Sie bevorzugen gesunde Kinder, wenn sie denn schon eins haben wollen. Wie das mit der medizinischen Versorgung läuft – keine Ahnung. Diese Fragen wurden uns nicht beantwortet. Ebenso, was mit den Kinder passiert. Ob sie bis 18 bleiben dürfen oder nicht. Die Leitung berichtete nur, dass die Kinder ins Ausland gehen werden. Zu Menschen, die mit ’sowas‘ umgehen können. Was das im Klartext bedeutet – ich will es mir nicht vorstellen.

Ich weiß nur, dass ich die Umstände als schrecklich wahrnahm, obwohl es im Vergleich wohl noch gut sein soll. Das ich emotional mitgenommen und zwischendrin völlig überfordert war.

Nun ist der Besuch ein paar Tage her. Ich schaue mir die Bilder an und denke: Was kann ich schon tun?

Ich kann eine Hand halten. Ich kann Obst mitbringen und andere Dinge, an denen es fehlt. Ich kann ein paar Stunden mit ihnen spielen. Aber reicht das? Ist das genug? Oder beruhige ich damit nur mein Traurigkeit?

Im Januar ist der nächste Besuch geplant und wahrscheinlich werde ich wieder mit im Auto sitzen. Werde mir wieder dieselben Fragen stellen. Werde wieder aufgewühlt sein.

Und ich werde hoffen. Darauf, dass ich mit den Kindern einen schönen Moment habe und sie für einen Augenblick alles haben, was sie brauchen.

Suoyou de ài  (Alles Liebe)

Dschänna

3 Gedanken zu “Besuch im Waisenhaus

  1. Eure Tat ist wahrlich eine Inspiration! Gäbe es mehr Menschen auf der Welt, die so sind wie ihr es seid, ginge es der Welt vermutlich ein Stückchen besser.
    Ob es genug ist, was du bzw. ihr tust/tut? Das könnt nur ihr für euch beantworten. Meiner Meinung nach, tut ihr schon, was euch eben möglich ist. Ihr spendet nicht nur Essen, sondern mit eurem Besuch auch Wärme, Liebe und wahrscheinlich ein Fünkchen Hoffnung. Hoffnung, dass es Menschen gibt, die sich um „das“ kümmern, was die Gesellschaft scheinbar „nicht haben möchte“…

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  2. Ja es ist unglaublich, was auf dieser Welt passiert. Ich habe einen Bericht gesehen von Kindern im Waisenhaus in Rumänien. Da muss man noch vor dem Fernseher weinen. Ich bewundere alle Menschen, die sich um diese Kinder kümmern,damit sie wenigstens ein kleines bisschen Geborgenheit erfahren. Es ist einfach nur beschämend, daß man Kinder so weglegt. Ich wünsche diesen Menschen ein ganzes Leben lang mehr als ein schlechtes Gewissen! Ich kann verstehen, dass Dich das nicht mehr losläßt! Und Du wieder hinfahren willst. Herzliche Grüße Gabi

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