Heimat

Warnemünde
Dschänna auf der Suche nach Heimat 

Während ich am Samstagnachmittag mit Suchen im Internet beschäftigt war, klingelte mein Telefon. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn dazu sind ja Telefone da. Also auch die neuen Dinger. Die, die wir immer und überall dabei haben, um mal schnell online zu checken, wer geschrieben hat und wo der nächste Kaffeeladen ist. Oft vergessen wir damit genau das zu tun, wozu es erfunden wurde  –  zum Telefonieren. Das erleichtert die Kommunikation, weil wir direkt miteinander reden und nicht ellenlange Nachrichten mit den Fingern tippen müssen. Das ist zwar immer ganz bezaubernd, wenn wir früh erwachen und liebe Worte auf dem Display entdecken. Doch ist es auch eine einseitige Unterhaltung, weil wir ja selten umgehend eine Antwort auf unsere Nachricht erhalten.

Wie dem auch sei, ich war mit meinem Telefon im Internet und habe den Begriff Heimat in die Suchmaschine eingetippt. Vorausgegangen war ein Artikel und eine Unterhaltung mit meinem Mann. Was bedeutet Heimat? Und warum haben Menschen ein Heimatgefühl und andere nicht? Wie geht es Expats oder Menschen die ausgewandert sind? Ändert sich das Heimatgefühl und wird zu einem Zuhause-Gefühl? Und wo genau ist der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause, wenn es denn einen gibt? Fragen über Fragen und immer wieder Gespräche dazu. Sei es mit meinem Mann, mit Freunden oder online Bekanntschaften.

Seit ich in China lebe, beschäftige ich mich oft mit diesen Begrifflichkeiten und habe für mich festgestellt, dass ich dieses Heimatgefühl nicht wirklich in mir trage. Laut Definition stellt das Wort  Heimat eine Beziehung zwischen Mensch und Raum da. Oft der Raum oder Ort, in den die Menschen hineingeboren wurden und ihre frühsten Sozialisationserlebnisse hatten. Der Ort, der sie am meisten geprägt hat – hinsichtlich Charakter, Einstellung und Weltauffassung.

Ich bin an der Ostsee geboren und später mit meinen Eltern in die Altmark gezogen. Nach der Ausbildung bin ich nach Leipzig gegangen und sieben weitere Umzüge später, sitze ich nun in Suzhou. Bin ich vielleicht Heimatlos? Ich meine, ich habe mich überall wohlgefühlt. Hatte gute und weniger gute Zeiten. Und ich hatte überall Menschen, die mein Leben bereichert haben. Es gibt Orte, an die erinnere ich mich gerne und es gibt Ort, da fahr ich immer wieder gerne hin. Sind das dann die Orte, die meine Heimat sind?

Was ich dagegen sehr gut definieren kann, ist mein Zuhause. Das ist genau dort, wo meine Familie ist. Hier in China mit meinem Mann und unseren Kindern plus das Zuhause bei meinen Eltern. Weil genau dort fühle ich mich wohl und sicher und geborgen. Da kann ich sein, wie ich bin, mit fettigem Haar und ausgebeulten Hosen. Da kann ich mich im Bett verstecken, wenn ich traurig bin oder laut und schief singend durch die Küche tanzen. Mein Zuhause ist weniger an einen Ort gebunden, als vielmehr an die Menschen und das damit verbundenen Gefühl. Ja, ich habe ein Zuhause. Doch wie ist das nun mit der Heimat?

Während ich nun also suchend nach Erklärungen im Internet war, klingelte mein Telefon und dran war meine langjährige Freundin aus Studententage. Mit ihr bin ich nach der Vorlesung zum Fastfood-Laden und dort haben wir soviel gegessen wie ging. Mit ihr habe ich in Englisch meine Blätter getauscht, damit meine Englischnote nicht ganz derbe wird. Im Gegenzug habe ich ihre Matheaufgaben in den Tests nachgerechnet. Wir hatten eine echt gute Zeit. Damals, wie heute. Und genau sie ruft mich an und mir wird plötzlich klar, was meine Heimat ist.

Meine Heimat ist Deutschland. Nicht ein spezieller Ort, sondern das Land mit den Menschen, die mich mein Leben lang begleiten. Wir sprechen alle dieselbe Sprache. Dort wurde mein Charakter geformt und meine Werte geprägt. Dort habe ich meine Wurzeln bekommen, die mich dann das Fliegen gelehrt gaben. Dort habe ich viele wunderbare Erinnerungen geschaffen. Ich weiß, dass ich immer wieder dorthin zurück kann. Meine Heimat sind meine Freunde, die dort wohnen und auf die ich immer zählen kann. Meine Eltern und Schwiegereltern, die uns den Rücken stärken und wo wir jederzeit Unterschlupf finden. Meine Schwester, die mich motiviert, wenn ich es gerade selber nicht kann. Sie alle sind meine Heimat.

Und wenn ich doch einen Ort nennen müsste, nur einen, dann ist es die Ostsee. Dort zu stehen und den Wellen zuzuschauen, gibt mir immer das Gefühl, dass am Ende alles gut wird. Und das sollte Heimat doch sein. Ein Ort voller Optimismus und Sicherheit.

Suoyou de ài  (Alles Liebe)

Dschänna

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