Das Erlebnis chinesisches Konsulat

Menschenschlange
Erlebnisbericht von Dirk

Hallo Ihr Lieben,

Auch wenn ich heute bereits meine ersten zwei Arbeitswochen absolviert habe, möchte ich es nicht versäumen, von meinem Konsulatserlebnis zu berichten.

Alles begann am 21.04.2017 – meine Frau und ich waren gerade auf dem Weg zu unseren Kindern, die bei den Großeltern entspannten. Ein Kurzurlaub in Binz lag hinter uns. Dementsprechend gut gelaunt und positiv gestimmt, auf das was vor uns lag, waren wir.

Es war ein sonniger Tag und meine Frau genoss die Autofahrt mit geschlossenen Augen. Keine Panik, ich bin gefahren und meine Frau war als Beifahrer dabei. In der Hinsicht ist sie sehr pflegeleicht, da, so bald das Auto in ein leichtes Brummgeräusch von sich gibt, sie umgehend die Schlafposition wählt.

In diesem – doch sehr meditativ ähnlichem Zustand – klingelte das Telefon. Auch hier wieder – keine Panik, wir haben eine Freisprechanlage. Somit habe ich immer beide Hände am Lenkrad.

Am Telefon war unser Agent. Klingt jetzt spannender als es ist, also nicht James Bond mäßig.

Unser Agent ist unser Betreuer für die Visa Angelegenheiten. Jemand, der sich besser mit den Modalitäten auskennt als wir und den Mentalitäten der Sachbearbeiter.

Mit seinem Anruf war die Erwartung verbunden, dass mein Visum auf dem Weg zu mir ist. Schließlich sollte ich am 01. Mai ausreisen und benötigte diese Dokumente. Wie das nun mit Erwartungen eben ist: Nur weil ich sie habe, muss  mein Gegenüber noch lange nicht diese erfüllen. Und so war es dann auch. Die Aussage: „Leider hat sich der Visaprozess diesen Monat verändert, ich muss Sie Bitten am Montag ins chinesische Konsulat zu fahren, für ein Interview und um Ihre Fingerabdrücke abzugeben“ ließ mich kurz eine längere Atempause machen und eine Gedankenpause dran hängen. Urlaubsbedingt waren wir einmal quer durch Deutschland gefahren und hatten dabei einen Aufenthalt in Berlin. Wäre ihm diese Information früher zuteil geworden, dann hätte ich das alles ganz entspannt schon lösen können. Nun gut, so fahr ich dann eben in zwei Tagen nochmal nach Berlin – schließlich brauchte ich das Dokument.

Die Erleichterung meines Agent war hörbar, als ich nach dem Termin fragte. Das sei ganz unkompliziert, war seine Antwort. Einfach hin fahren, anmelden, warten, drankommen und fertsch. {Hatte ich erwähnt das dieser Herr ein Chinese ist und somit andere Vorstellungen von deutscher Bürokratie hat?}

Meine deutsche Mentalität wollte dieser Aussage nicht so ganz trauen, also machte ich das, was ein Deutscher eben macht. Er kümmert sich selbst und ruft dort einfach mal an, im Konsulat.

Tja, was soll ich euch sagen – so einfach war es eben nicht. Man braucht eben doch ein Termin und etwas Wartezeit. Ist ja schließlich auch die Botschaft und nicht der Friseur um die Ecke.

Nach der Ankunft bei den Großeltern und die einsetzende Entspannung, da nun alles (scheinbar) geregelt sei, ahnte ich nicht, dass das der einfachste Part war.

Drei Tage später sitze ich wieder im Auto, diesmal alleine auf dem Weg nach Berlin. Ich war entspannt und noch sicher, dass ich halb drei wieder zurück sein werde. Aber meistens kommt es anders als man denkt. Zehn vor elf habe ich pünktlich das Konsulat betreten, nachdem ich einen super Parkplatz um die Ecke ergattern konnte.

Die Empfangshalle war genauso prunkvoll wie ich das aus China kenne. An der Stirnseite waren vier Schalter. Je 10 Sitze rechts und links davon. Einer der Schalter war der Visa-Schalter, an welchem bereits ein Mann stand und im Gespräch war. Mit mir warteten drei weitere Personen in der Schlange.

Nachdem ich also die Lage gescannt hatte, setzte ein beruhigendes Gefühl ein. Noch immer war ich der Überzeugung, dass alles zügig voran geht. Schließlich war die Warteschlange kurz.

Ein wenig irritiert war ich über die 6 Leute auf den Stühlen links vom Schalter. Nun gut, wer weiß aus welchem Grund sie hier sind.

Und dann begann eine Show, die Kurt Felix hätte nicht besser injizieren können.

Der Schalter ähnelte dem einer Tankstelle bei Nacht. Der Kunde spricht in ein Mikrofon und hört die Dame über einen Lautsprecher, so wie alle anderen auch. Somit erfuhren wir Wartenden von dem Mann vor dem Schalter, dass er Chef eines Fahrradherstellers war und eine Messe in Shanghai besuchen möchte. Der Anlass seines benötigten Visums. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass es sich bei dieser Fragerunde um das zu absolvierende Interview handelte. Sehr diskret hörbar für alle.

Der Mann war fertig und die Dame fragte uns Wartenden: „Alle zum Interview?“ Wir nickten synchron. „Dann links hinsetzen“ Das taten wir dann ganz schnell. Die Anzahl der vor mir Drankommenden stieg in Sekundenschnelle. Sie rief den Nächste auf.

Um einen Überblick über die Gesamtsituation zu bekommen, forschten wir bei den vor uns Wartenden nach. Wie funktioniert das hier und wer ist der aktuell Letzte in der Reihe? System war schnell klar und wir konnten uns dem Herren widmen, der aktuell am Schalter stand.

Es war 11 Uhr. Meine Parkuhr war bis 12:15Uhr gefüttert. Das reicht locker, schließlich gingen die ersten Gespräche zügig voran. Zudem schließt die Behörde pünktlich um 12 Uhr. Ich war entspannt und widmete mich voll und ganz dem Herren und seiner Geschichte.

Es war ein Mann der für ca. 1 Jahr nach China geht, um ein Software Entwicklungsteam zu leiten. Er entwickelt Aplikationen von SAP was sich MES System nennt. Wer damit nichts anfangen kann, dass ist nicht schlimm. Die Damen am Schalter konnte damit auch nichts anfangen, aber Sie lies sich das ganz genau beschreiben -> ca. 20 min. Es wurde auch gefragt, für welchen Markt sie denn diese Software entwickeln. So nach ca. 25min war der Herr fertig. Mein Sitznachbar sagte zu mir, die nächsten gehen bestimmt schneller, schließlich will sie pünktlich zum Mittagessen. Aber denkste. Als nächstes schritt ein Pärchen zum Schalter. Wir waren schon gespannt, was sie für eine Geschichte  mitbringen. Und los ging es mit den Fragen der netten Dame, hinter dem Schalter. Sie sind also Franzose… Ein kleines raunen ging durch die Wartenden. „Ja“ sagte er…

Sie: Was machen Sie in Deutschland?

Er: Im Theater arbeiten.

Sie: Warum in Deutschland?

Er erzählte Ihr dann die ganze Geschichte, dass er zum Studieren herkam und nun in mehreren Theatern arbeitete. Jetzt will er für ein Jahr nach China ans Theater. Dann ging die Aufmerksamkeit zu seiner Begleitung, die Polin war. Nun hat auch Sie ihre Geschichte erzählt, dass Sie vor ca. 1,5 Jahren nach Deutschland kam und seit 10 Monaten mit dem Franzosen verheiratet ist. Hinter dem Schalter konnte man ein lautes AHA hören und Fragen folgten ganz schnell auf die spitzen Aussagen. „Das ging aber schnell und so kurz vor der Ausreise! Was wollen Sie denn in China arbeiten“. Zur Antwort gab es ein schüchternes „Ich werde Hausfrau sein.“ „Was soll das denn für ein Job sein“, gab die Schalterdame mit kräftiger Stimme zurück. Als beiden dann auf die Frage, wann sie sich kennengelernt haben synchron die Antwort „vor 5 Jahren in München kam“, hatte Watson hinter dem Schalter keck geschlussfolgert, dass die Dame noch gar nicht so lange in Deutschland ist und sie verbal mit dem Rücken an die Wand gedrückt. Sie hat ihr dann erklärt, was sie bereits vor 5 min schon mal sagte, dass sie sich vor 5 Jahren bei einem Workshop in München kennenlernten. Es folgten noch viele Fragen zu den Staatsbürgerschaften und wie das Pärchen sich das in China vorstellte, bis der Schlusssatz kam. „Wir melden uns in den nächsten 2 Wochen, ob Sie ein Visum bekommen, dass können Sie dann hier abholen.“ Da verdutzte Pärchen erwiderte: „Wir sind aus Dresden“. Die passenden Antwort kam zeitnah: „Na, da kann das Konsulat nichts für“. Im Raum wurde herzhaft gelacht und nach der versteckten Kamera gesucht. Der nächste Bitte…

Währenddessen überlegte ich, ob ich mein Ticket verlängern sollte. Diesen Gedanken verwarf ich schnell, da nun ein selbstbewusster Manager an den Schalter trat. Meine Neugier (und die meiner Mitreisenden) war enorm. Was hat er zu erzählen und welch spannenden Fragen werden gestellt.

Die anderen Schalter waren bereits leer, da es schon kurz nach Zwölf war.

Er war weltweiter technischer Leiter eines großen Automobilzulieferers der für nur drei Tage nach Suzhou zu einer Strategiebesprechung wollte. Für diese drei Tage ist er aus München angereist und deshalb dauerte sein Interview auch 45 Minuten. Während dieser Zeit gab es für die Zuhörer kein Halten mehr. Nachdem er in aller Gelassenheit seinen Lebenslauf erzählte, welchen die Dame auch vorliegen hatte, inkl. all seiner Stationen im Ausland. Während diesem Gespräch hat sie ihn mindestens 20 mal gefragt, was er den in Russland aktuell macht. Immer wieder erklärte er ihr, dass er bis 2007 ein Werk in Russland führte, danach in Ungarn war und seit 2012 wieder in Deutschland sei. Wenn er nach Russland fliegt, dann meistens um seine Schwiegereltern zu besuchen. Wieder kamen viele Fragen, zum Bsp. Warum seine Frau nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hat und wie lange sie immer ihre Eltern besuchen. Wie das mit den Kindern ist und immer zwischendrin die Frage: Was arbeiten Sie in Russland? Zum Schluss sagte er ihr noch, dass er seinen Pass bis Freitag benötigt, da er in einer Woche nach Indien fliegt. Haben sie etwas schon gebucht und bezahlt? kam von der anderen Seite. Dann sagte er:“ Sie schaffen das“. Er schaute kurz erleichtert, bis er bemerkte, das sein Flieger nach Hause in 90 min ging und er noch von Berlin-Mitte nach Tegel musste. Sport frei, sag ich da nur!

Mittlerweile waren wir eine lustige 4er Gruppe und fragten uns, wie lange das heute geht, als die nächste zum Schalter ging. Eine Dame. Sie erzählte Ihre Geschichte. Vor 25 Jahren ist sie aus dem Iran geflüchtet und hat nur einen Ausländerausweis.

Mein Gedanke bei dieser Aussage:  Das ist das Aus. Für mich und die restlichen 4!  Ich glaubte nicht mehr dran, dass ich in einer Woche fliegen kann. Wenn die Dame hinter dem Schalter nun ebenso aktive Fragen stellte, wie bei den Vorgängern, dann habe ich zwar noch mehr lustige Geschichten zu erzählen. Doch werden die mich nicht zu meinem Dokument führen.

13:30 Uhr die Rettung naht. Eine zweite Dame kam. Sie sprach so gut wie kein Deutsch. Dafür war sie flink. Fingerabdrücke hier, Fragen beantworten dort. Bei dieser nun herrschenden Geschwindigkeit kamen die Damen hinter dem Schalter so durcheinander, dass ich mehrfach aufgefordert wurde, meine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Auch wenn ich zehn Finger hab, so kann ich diese nur einmal hinterlegen.

Zusätzlich verwechselten die Ladies dann auch noch die Ausweise, Pässe und Dokumente der hier Anwesenden. Jeder war mal jeder.

Kurz nach 14 Uhr hatte ich es dann doch geschafft. Alle Dokumente waren abgegeben, alle Fragen beantwortet, alle Fingerabdrücke dagelassen. Ab diesem Zeitpunkt  hieß es Warten, da es im Konsulat nicht von Interesse war, dass mein Flug in einer Woche geht.

Als das Visum dann am Samstag kam (48h vor dem Abflug!) , konnte ich pünktlich am Montag fliegen. Nun ist wieder Samstag und ich bin gut in China angekommen. Meine ersten zwei Wochen liegen hinter mir. Auch da gab es spannende und lustige Ereignisse (Gesundheitscheck, Bankkonto eröffnen, Metrokarte machen lassen, Hausbesichtigung und Visabeantragung meiner Frau…) Doch das sind separate Geschichten zum Schreiben. Bis dahin Grüße ich Euch aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Wènhòu (Beste Grüsse)

Dirk

PS. Bei den Menschen im Konsulat habe ich Herkunft oder Beruf verändert!

2 Gedanken zu “Das Erlebnis chinesisches Konsulat

  1. Grandios geschrieben, Dirk. Kein Schriftsteller, Journalist, Dichter… kann sich solchen Unfug und Schmarrn ausdenken, der dir in dem P.R.C.-Konsulat passiert ist. Hier wurde aus lauter Angst vor “Irgendwas“ Persönlichkeitsrechte und primitivster Datenschutz verletzt. Aber ohne dem wärst du ja nicht vorangekommen…

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